Die Ionische Ätna-Küste

Alte Berufe und Handwerk

Sizilien ist eine der italienischen Regionen mit der größten Vielfalt an typischen handwerklichen Produktionszweigen von hoher Qualität, die heute noch ein Aushängeschild der sizilianischen Wirtschaft darstellen. Hinter den typischen Produkten dieser Region verbirgt sich eine viele Jahrhunderte alte Geschichte, die das kulturelle und historische Erbe der griechischen, arabischen und normannischen Zivilisation und die fantasievolle Kreativität der Sizilianer bewahrt. Das einheimische, traditionelle Handwerk  ist neben dem Tourismus einer der  wichtigsten Wirtschaftszweige Siziliens . Noch heute ist das Handwerk weit verbreitet. Besonders charakteristische Produkte sind Stoffwaren mit Filet-Tüll, Keramik, Schmiedeeisen, Lavastein sowie die typischen sizilianischen Marionetten und Karren.

Vor allem in den Dörfern in der Nähe des Ätna und in Acireale wird Lavastein verarbeitet.

Auch die  Verarbeitung von Binsen und Naturfasern wie denjenigen der  Papyruspflanze zum Herstellen von Pergament ist anzutreffen. Früher wurden ausschließlich  „cavagne“ und „fasceddi“ hergestellt, spezielle Körbe, die zum Formen der Ricotta und anderer Käse verwendet wurden. Heute hat sich diese Produktion auf viele neue Gegenstände ausgedehnt.

Verbreitet ist auch die  handwerkliche Produktion im Zusammenhang mit der Gastronomie:  Sehr berühmt ist die „Frutta martorana“, Süßigkeiten, die aus Mandelmasse und Zucker hergestellt werden, denen man die Form und die Farbe aller möglichen Früchte gibt. Der Name stammt von den  Nonnen des Klausurklosters der Martorana in Palermo, die diese Früchte zum ersten Mal hergestellt haben sollen. 

Zum Kunsthandwerk gehört der traditionelle kleine sizilianische Karren, ein regelrechtes Kunstwerk, das von gewandten Kunsttischlermeistern und geschickten Schmieden zusammengebaut wird. Alle Teile des Karrens sind dekoriert: Von den Seiten, auf denen historische Szenen oder Szenen aus dem Ritterroman über die fränkischen Paladine dargestellt sind, in allen Farben – in der Gegend von Catania besonders Türkisblau -, bis zum Steg, der die Räder mit dem Wagen verbindet, kunstvoll geformt und mit Verzierungen aus Schmiedeeisen geschmückt.

Leider gibt es immer weniger Wagner, die nur noch für einen Markt von begeisterten Sammlern arbeiten, während einige von ihnen, besonders in der Gegend des Ätna, damit begonnen haben, maßstabgetreue Reproduktionen der Karren herzustellen.

Eng mit dem sizilianischen Karren ist die Arbeit der Marionettenhersteller („Pupari“) verbunden: Auch die Helden dieses traditionellen Theaters machen eine Krisenzeit durch. Wie der sizilianische Karren sind auch die Marionetten mit dem Zyklus der fränkischen Paladine verbunden. Angelica, Roland, Rinald und Karl der Große sind als Puppen verkörpert, die meisterhaft von Hand hergestellt werden. Ein „Puparo“ muss Holz schnitzen können, um die Struktur der Puppe auszuführen, er muss das Metall formen können, um die Rüstung für die Marionette herzustellen, das Gesicht bemalen und das Kostüm aus Stoff nähen können.

Die sizilianischen Karren sind eines der Hauptsymbole der sizilianischen Folklore. In Aci Sant’Antonio, einem wichtigen Zentrum der so genannten Scuola d’Arte del  Carretto (Kunstschule des sizilianischen Karrens), stützte sich ein großer Teil der Wirtschaft des Orts auf diese Aktivitäten. Es gab mehr als 16 Werkstätten, in denen hunderte von Personen als  Handwerker, Wagner und Lehrlinge beschäftigt waren. Ihnen ist es zu verdanken, dass unbewusst und äußerst einfach heute der Mythos des „Carretto di Sicilia“, des sizilianischen Karrens, entstanden ist.

Typische sizilianische Handwerksprodukte sind heute bei den Touristen beliebt und werden ins Ausland exportiert: Bei Harrods in London kann man zum Beispiel in Sizilien verarbeitete Gegenstände finden; man kann also von einem regelrechten Phänomen der Internationalisierung des sizilianischen Handwerks sprechen.